Was ich von meinem Hund über Kinder (und das Leben) gelernt habe
- Julia Becker
- 13. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Oft, wenn ich in der Schule unterwegs bin und dann meinen Hund anschaue, sehe ich erstaunlich viele Parallelen zu Kindern, zu Beziehungen, überhaupt zu unserem Miteinander als Menschen.
Erst in den letzten Jahren ist mir das wirklich bewusst geworden.
Ich erinnere mich, ich war vielleicht siebzehn oder achtzehn, als ich zufällig über die Bücher von Maja Nowak stolperte, „Die mit dem Hund tanzt“ und „Wanja und die wilden Hunde“.
Ihre Art, mit Hunden umzugehen, sie zu sehen, zu verstehen und daraus etwas über Menschen zu lernen, hat mich tief berührt.
Ich konnte es damals noch nicht ganz begreifen, nicht mit dem Kopf und nicht mit dem Herzen, und doch war da etwas, was mich immer unbewusst begleitet hat.
Also begann ich, mit meinem damaligen Hund zu experimentieren.
Viele sagten, du bist so streng, er muss immer neben dir gehen.
Für mich war das keine Strenge, es war ein Forschen.
Wie fühlt es sich an, wenn er neben mir geht? Wenn er vorausläuft? Was verändert sich zwischen uns? Er hat immer sehr deutlich gemacht, ob es auch gerade für ihn passt.
Als dieser Hund in mein Leben kam, war sofort dieses Gefühl da: „Zeig mir, wer du bist.“
Ich spürte eine Klarheit in mir, was für mich stimmig ist und was nicht.
Damals verstand ich noch nicht, dass das mein erster Kontakt mit echter innerer Führung war.
Präsenz und Verantwortung
Im Studium hatte ich keinen Hund, aber die Verbindung blieb.
Er war wie ein Buddha auf vier Pfoten, ruhig, stolz, still und weise.
Oft, wenn ich in einer Vorlesung saß, unruhig oder unsicher, stellte ich mir vor, was Ike jetzt tun würde.
Diese Vorstellung erdete mich.
So wie Kinder manchmal Krafttiere in sich tragen, wenn sie Halt suchen, war es ein schönes Bild, nicht allein zu sein.
Als mein heutiger Hund zu mir kam, aus dem Tierschutz, schon zwei Jahre alt, begann ich erneut, Maja Nowaks Gedanken zu lesen. Diesmal verstand ich, es geht nicht um Gehorsam oder Training, sondern um Beziehung.
Es geht darum, das Wesen zu erkennen, nicht das Verhalten zu formen, zu sehen, wer er ist, was er braucht, wo er stark ist, und wo ich Orientierung geben darf.
Und genau das gilt für Kinder. Nicht sie zu formen, sondern sie zu sehen.
Zu sagen, ich sehe dich, so wie du bist. Dann gemeinsam herauszufinden, was du brauchst, wo Führung Sicherheit gibt und wo du einfach du selbst sein darfst.
Im Wald wie im Klassenzimmer gilt dasselbe Prinzip, Präsenz statt Kontrolle.
Das ist nicht dein Job
Ein Satz aus einem „Hund-Mensch“-Workshop ist mir besonders geblieben: Wenn dir ein anderer Hund begegnet, darfst du zu deinem sagen, das ist nicht dein Job, ich kümmere mich darum. Ich habe diesen Satz erst viel später wirklich verstanden.
Wenn ich nicht klar bin, übernimmt mein Hund Verantwortung, Verantwortung, die eigentlich meine ist.
So wie Kinder es tun, wenn ich im Unterricht nicht ganz da bin. Dann füllen sie den Raum, übernehmen Führung, nicht weil sie wollen, sondern weil sie müssen, und das ist nicht ihr Job.
Diese Erkenntnis war für mich ein Wendepunkt. Wie sehr Hunde und Kinder uns spiegeln, ob wir bei uns sind, ob wir echt sind, ob wir führen oder nur so tun.
Intuition und Spiegelung
Ich glaube, dass Menschen genauso wie Tiere auf ihr Gefühl hören dürfen. Die Intuition ist ein wunderbarer Indikator dafür, ob etwas stimmt oder nicht. Oft ist der erste Eindruck, das erste Gefühl, das wir beim Gegenüber haben, schon sehr nah an der Wahrheit. Tiere können uns dabei helfen, diese Wahrnehmung zu schärfen. Sie spiegeln uns.
Ich erlebe das immer wieder mit meinem Hund. Wenn ich angespannt bin, innerlich unruhig oder außerhalb meiner Mitte, merkt er es sofort. Dann reagiert er entweder ähnlich oder auf eine Weise, die mich wieder in meine Mitte bringt, indem er ganz nah bei mir ist, Körperkontakt sucht oder einfach nur da ist. Wer sein Tier ernst nimmt, in seinem Wesen, wer es zulässt, dass es zeigt, wer es ist, lernt, diese Qualitäten auch in sich selbst zu erkennen. Ich glaube, dass diese Spiegelung etwas sehr Wichtiges für uns alle ist, dass wir Menschen Mensch sein lassen können und dabei respektvoll miteinander umgehen.
Spiegel und Lehrkraft
Kinder wie Hunde spüren, ob wir authentisch sind. Sie hören nicht auf Worte, sie spüren unsere Haltung. Wenn beides nicht zusammenpasst, entsteht Reibung, Misstrauen, Chaos. Wenn Wort und Haltung eins werden, entsteht Verbindung.
Ich habe erlebt, wie Kinder in der Schule auf meinen Hund reagiert haben, respektvoll, achtsam, liebevoll. Wie sie seine Grenzen achten, ihm Raum geben, weil sie dieses Bedürfnis auch in sich kennen: Ruhe, Sicherheit, ein Platz, an dem man einfach sein darf.
Und ich habe gesehen, wie Kinder, die gerade eine schwierige Zeit durchmachen, still neben ihm sitzen, eine Hand auf dem Stift, die andere auf seinem Fell. Einfach da, ruhig, verbunden. Momente, die still und heilsam sind, für alle.
Lasst uns doch wieder aufeinander zugehen, ohne Masken, ohne uns permanent verändern zu wollen oder mein Gegenüber verändern zu wollen.
Kommentare