Respekt ist kein Gürtel – sondern eine Haltung
- Julia Becker
- 16. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Ich merke immer mehr, wie sehr sich viele Themen in meinem Leben um zwischenmenschliche Beziehungen drehen und das gilt besonders auch für meine Sportart, Brazilian Jiu-Jitsu (BJJ). Ich trainiere seit ein paar Jahren, etwa seit 2019/2020, und je tiefer ich in diese Welt eintauche, desto mehr Fragen tauchen für mich auf.
Eine der zentralen Fragen ist:
Wie ist es als Frau*, in einer Sportart zu trainieren, die überwiegend von Männern dominiert wird?
Wie etabliere ich dort meinen Platz, wie werde ich ernst genommen in meiner Art zu trainieren, in meinem Können, unabhängig von meinem Geschlecht?
Denn auf der Matte herrschen viele Hierarchien: Gürtel, Geschlecht, Gewicht, Erfahrung. Und diese Hierarchien beeinflussen, bewusst oder unbewusst, das Miteinander. Leider gibt es dabei auch Machtgefälle, die ausgenutzt werden können, manchmal schleichend, manchmal sehr offensichtlich.
Deshalb beschäftigt mich die Frage: Wie kann man ein Gym sicher halten, für alle?
Gerade für Frauen ist es oft beängstigend, in ein Gym zu kommen, in dem man niemanden kennt und kaum andere Frauen da sind. Viele FLINTA*-Personen (Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen) haben Erfahrungen gemacht, die auf der Matte nichts zu suchen haben: unerwünschte Berührungen, Kommentare über den Körper, herablassende Bemerkungen über die Leistung oder das klassische „Für eine Frau bist du ja ganz gut“.
Anstatt einfach anzuerkennen: Du bist gut. Punkt.
Was mich zusätzlich frustriert, ist dieses typische Mansplaining, das auch im BJJ existiert. Männer, die einem ungefragt erklären, wie etwas funktioniert, obwohl man selbst genauso kompetent oder sogar erfahrener ist. Das sind kleine Dinge, aber sie summieren sich zu einem Klima, das viele Frauen davon abhält, sich wohlzufühlen oder zu bleiben.
Verantwortung fängt oben an
Ein Gym sollte ein Ort sein, an dem sich alle sicher fühlen können, ein Ort, an dem man sich bewegen, lernen und connecten möchte, nicht einer, an dem man angebaggert oder nach dem Training unangenehm angeschrieben wird.
Und das beginnt bei der Leitung. Die Person, die ein Gym führt, trägt Verantwortung für die Kultur dort. Es braucht klare Regeln, die kommuniziert und durchgesetzt werden:
Was gilt als respektvolles Verhalten? Wo sind Grenzen? Was passiert, wenn diese Grenzen überschritten werden?
Natürlich kann es vorkommen, dass sich im Training oder auf Camps Beziehungen entwickeln. Das ist nicht per se problematisch, aber es braucht Bewusstsein dafür, ob ein Machtgefälle besteht und ob es wirklich beidseitig und transparent ist. Wenn nicht, kann das schnell zu schwierigen Situationen führen, vor allem, wenn eine Person „Nein“ sagt oder sich distanziert.
Wir brauchen Schutzkonzepte. Auch im Kampfsport
Was mich wütend macht, ist, dass immer wieder Fälle bekannt werden, in denen Trainer ihre Position ausnutzen und trotzdem weitermachen dürfen. Frauen, die etwas sagen, werden oft nicht ernst genommen, ihnen wird nicht zugehört, sie werden lächerlich gemacht oder zum Schweigen gebracht.
Dabei ist das kein Einzelfallproblem. Das ist ein strukturelles Thema.
Deshalb brauchen Gyms klare Schutzkonzepte gegen (sexuelle) Belästigung, so wie es sie in Schulen oder sozialen Einrichtungen längst gibt.
Ein solches Konzept sollte beinhalten:
eine Vertrauensperson, idealerweise auch eine Frau oder FLINTA-Person im Team
einen klaren Ablauf, was passiert, wenn Grenzen überschritten werden
Regeln für Trainer:innen und Co-Trainer:innen
Verhaltensrichtlinien auf der Matte
Verantwortungsbewusstsein gegenüber Gästen und Besucher:innen
Schulungen und Fortbildungen zum Thema Prävention und Umgang mit Machtmissbrauch
Auch kleine Dinge können helfen:
Wie sind die Umkleiden gestaltet? Gibt es sichere Parkplätze (z. B. FLINTA-Parkplätze)? Ist der Weg zum Ausgang gut beleuchtet? Weiß ich, an wen ich mich wenden kann, wenn etwas passiert?
Es geht um unser aller Verantwortung
Sicherheit im BJJ und in allen Kampfsportarten ist kein „Frauenthema“. Es ist ein gemeinsames Thema.
Wir alle tragen Verantwortung, die Matte zu einem Ort zu machen, an dem sich jede Person sicher fühlen darf.
Das beginnt mit Zuhören. Mit Ernstnehmen. Mit Handeln.
Es geht nicht darum, Angst zu machen, sondern darum, Bewusstsein zu schaffen.
Damit BJJ das bleibt, was es für viele von uns ist: ein Ort des Wachstums, der Begegnung, der Stärke, körperlich und menschlich.
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