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Raum der Begegnung


Ursprünglich hatte ich diesen Blog begonnen, um Einblicke in meine Arbeit zu geben – in meinen Alltag, meine Projekte und die Erfahrungen, die ich dabei mache.

Mir ist noch etwas viel Grundlegenderes bewusst geworden: Wie zentral es ist, sich selbst gut zu kennen, wenn man mit Menschen arbeitet.


In Gesprächen mit unserem Supervisor, aber auch durch meine persönliche Arbeit mit dem inneren Familiensystem nach Richard C. Schwartz, wurde mir klar, wie stark unsere eigene innere Welt unseren Allltag beeinflusst.


Je besser ich mich selbst kenne, desto klarer kann ich auch nach außen auftreten. Ich weiß, wo meine Grenzen sind. Ich erkenne eher, welche Situationen oder Aussagen in mir alte Gefühle oder Reaktionen hervorrufen. Diese Klarheit ist nicht nur für mich selbst wichtig, sondern wirkt sich unmittelbar auf meine Haltung gegenüber Kindern und Kolleg*innen aus. Und ja, manchmal bedeutet das auch, sich verletzlich zu zeigen oder sich zu entschuldigen. Auch vor Kindern. Das fällt mir nicht immer leicht, aber ich lerne stetig dazu.


Raum einnehmen – ein Lernprozess


Etwas, das mich in letzter Zeit besonders beschäftigt: den eigenen Raum einnehmen. Das klingt so einfach, ist aber ein langer Lernweg.

Vor allem in Situationen, in denen man jahrelang nicht gelernt hat, sich zu zeigen oder für sich einzustehen.


Ein Satz, der mir kürzlich begegnet ist, hat mich sehr angesprochen:


„Es gibt wenig Raum, wenn wir ihn uns nicht nehmen.“


Ein Beispiel aus meinem Alltag: In einem Morgenkreis mit den Kindern war ich dabei, den Tag zu besprechen.

Drei Kinder waren unaufmerksam, beschäftigten sich mit etwas anderem.

Ich wollte gerade in die Situation gehen, als ein Kollege eingriff und versuchte, die Situation zu lösen. Ich schaute ihn an und sagte mit ziemlichen Nachdruck und vor den Kindern:


„Ich kann das alleine klären. Das ist meine Situation.“


Im ersten Moment war ich erschrocken über meine Direktheit – und darüber, das so offen gesagt zu haben. Doch gleichzeitig fühlte es sich richtig an. Es war mein Raum, meine Verantwortung, und ich wollte das auch selbst gestalten.

Für die Kinder war das vielleicht irritierend – aber auch ein wertvoller Moment: Zu sehen, dass Erwachsene nicht immer einer Meinung sind, aber respektvoll und klar miteinander umgehen können.


Ein ähnlicher Moment kam später bei einem Projekt. Obwohl wir als Team gleichberechtigt arbeiten, teilte mir der Kollege plötzlich vor der Gruppe eine Aufgabe zu. Ich war irritiert und auch etwas sauer. Und wieder spürte ich den Impuls, mich zu zeigen, zu sagen: „Ich finde das nicht in Ordnung, dass du mir einfach eine Aufgabe zuteilt. Wir habeh hier als Team zusammen und tragen beide gleich viel Verantwortung. Wir haben hier gleichwertig. Das fühlt sich total blöd an für mich, einfach eine Aufgabe zugeteilt zubekommen."

Und wieder war es ein Schritt, sichtbar zu werden. Raum einzunehmen. Verantwortung zu übernehmen – auch für mich selbst.


Was ich daraus mitnehme: Pädagogik ist nicht nur ein Fach, das man lernen kann. Es ist zutiefst persönlich. Es braucht Reflexion, Mut und die Bereitschaft, sich selbst zu begegnen – auch mit den Anteilen, die man lieber verstecken würde.

Und es braucht Räume – für Kinder und für Erwachsene – in denen Entwicklung möglich ist. Diese Räume entstehen nicht einfach so. Wir müssen sie gestalten. Uns trauen. Uns zeigen. Uns Raum nehmen.


Und manchmal bedeutet das auch, eine Grenze zu setzen, eine Meinung zu vertreten oder eine Entschuldigung auszusprechen. Vor Kindern. Vor Kolleg*innen. Vor sich selbst.

 
 
 

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