Nicht die Kinder müssen sich ändern, sondern das System
- Julia Becker
- 28. Sept. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Es gibt ein Thema, das mich schon seit vielen Jahren begleitet. Bereits im Studium, als ich erste Erfahrungen an einer Waldorfschule und an einer Montessori-orientierten Einrichtungen gesammelt habe, bin ich immer wieder damit konfrontiert worden.
Und auch jetzt, in den Jahren, die ich an meiner aktuellen Schule verbringen darf, beschäftigt es mich unaufhörlich: Unser Bildungssystem.
Kinder und Jugendliche bewegen sich von der Kita bis zum Abitur in einem System, das veraltet ist und nicht mehr zu unserer heutigen Gesellschaft passt. Es fordert Leistungen ein, die längst nicht mehr zeitgemäß sind. Statt Kindern Räume zu eröffnen, in denen sie sich entfalten können, zwingt es sie in Strukturen, die sie formen sollen, bis sie hineinpassen. Wer auf Veränderungen hinweist, wer seit Jahren reformpädagogisch arbeitet, wie es viele freie Schulen tun, wird belächelt.
Gelder werden gestrichen, Innovationen ausgebremst. Dabei sind genau diese Schulen Orte, an denen Kinder erfahren, wie Gleichwürdigkeit, Teilhabe und echtes Miteinander möglich sind. Dinge wie Morgenkreise oder Schulversammlungen, in denen demokratische Prozesse geübt werden, sind dort selbstverständlich. Oft werden diese dann belächelt von Außenstehenden.
Mich macht das wütend. Denn wenn ich mit Kolleg*innen aus anderen Schulen spreche, merke ich oft, wie ungewöhnlich das ist, was wir an unserer Schule leben. Und gleichzeitig sollte es nichts Ungewöhnliches sein. Es sollte normal sein, dass Lehrkräfte Zeit haben, Kinder wirklich zu begleiten. Dass es nicht nur um Stoffvermittlung und Lehrplan geht, sondern darum, Kinder zu befähigen, selbst zu denken, eigene Meinungen zu formulieren und sich auszuprobieren, ohne Angst vor Zensuren.
Schule sollte ein Übungsfeld sein, in dem Kinder lernen können, dass andere Menschen ihre Meinung hinterfragen dürfen, und dass es trotzdem wertvoll ist, eine eigene Stimme zu haben.
In unserem System fehlt genau dieser Raum. Noch immer zählt eine Eins in Mathe oder Physik oft mehr als die Fähigkeit, empathisch zu handeln oder Verantwortung zu übernehmen. Noch immer werden Kinder viel zu früh in große Gruppen gegeben, wo es kaum Rückzugsmöglichkeiten gibt, wo Pädagog*innen an ihre Grenzen geraten.
Schon in Kitas sind 30 Kinder auf vier Erzieherinnen die Regel, und jedes Kind, das nach Resonanz sucht, nach einer echten Begegnung, bleibt oft auf der Strecke.
Das zieht sich durch die Schulen weiter. Beziehung entsteht selten zwischen Lehrkraft und Schüler, stattdessen läuft vieles über Noten, Strafen und Konsequenzen. Doch Kinder sind keine zu „bändigenden“ Wesen. Sie sind Persönlichkeiten, die ernst genommen werden müssen. Sie müssen sich nicht verändern. Es ist das System, das sich verändern muss. Kinder, die herausfordernd wirken, sind in Wahrheit herausgefordert – von Strukturen, die nicht zu ihnen passen. Wenn Kinder Schwierigkeiten haben, werden sie schwierig. Nicht umgekehrt.
Besonders deutlich wird das beim Thema Inklusion. Wir sprechen oft darüber, aber wirklich gelebt wird sie selten. Statt Kinder mit Diagnosen wie Autismus oder ADHS als ganze Menschen zu sehen, reduziert man sie häufig auf ihre Diagnose. Statt Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen selbstverständlich einzubeziehen, bleiben sie viel zu oft am Rand. Das Kind selbst gerät aus dem Blick, weil sich alles um die Zuschreibung dreht. Doch Kinder sind nicht ihre Diagnose. Kinder sind Kinder. Und sie haben ein Recht darauf, mitten in unserer Gesellschaft zu sein – nicht daneben.
Im Moment erleben wir eine Spaltung. Auf der einen Seite die Kinder, die scheinbar reibungslos ins System passen, die „unauffällig“ sind und mitlaufen. Auf der anderen Seite die Kinder, die aus dem Raster fallen, weil sie nicht in die vorgefertigten Schablonen passen. Das darf nicht so bleiben. Wir sind nicht zwei Gesellschaften, sondern eine. Eine inklusive Schule muss bedeuten, dass alle dazugehören, dass wir Strukturen schaffen, die Vielfalt tragen und nicht aussortieren.
Ich glaube fest daran, dass es auch anders geht. Schon kleine Veränderungen können viel bewirken. Ein gemeinsamer Tagesbeginn, in dem Kinder und Erwachsene sich auf Augenhöhe begegnen. Lehrkräfte, die nicht nur unterrichten, sondern zuhören. Beziehungen, die vor Leistung stehen. Erst wenn die Verbindung da ist, kann Leistung überhaupt entstehen.
Deshalb macht es mich traurig und auch wütend, wenn freie Schulen, die diese Arbeit seit Jahren leisten, um ihre Existenz kämpfen müssen. Wenn Gelder gekürzt werden, wenn Eltern kämpfen müssen, damit ihre Kinder eine Chance auf genau diese Art von Bildung bekommen. Ich sehe Kinder auf Demos, die sagen: „Ohne diese Schule wäre ich durchs Raster gefallen.“ Und gleichzeitig wird darüber nachgedacht, genau diese Schulen einzuschränken.
Wo ist da unsere Menschlichkeit geblieben? Wo ist unser Mitgefühl füreinander? Wir arbeiten mit Kindern, die den größten Teil ihrer Kindheit in pädagogischen Einrichtungen verbringen. Wir sind ihre Begleiter, ihre Vorbilder, und wir haben die Verantwortung, diese Zeit so zu gestalten, dass sie sie stärkt und nicht schwächt.
Ich wünsche mir, dass wir uns trauen, dieses System wirklich zu verändern. Dass wir lauter werden, dass mehr Pädagoginnen, mehr Eltern, mehr Kinder und Jugendliche sagen: So geht es nicht weiter. Wir wollen ein Bildungssystem, das Kinder sieht – und nicht nur Leistungen. Wir wollen ein System, das Beziehung ermöglicht, statt sie zu verhindern. Wir wollen ein System, das Inklusion nicht als Randaufgabe versteht, sondern als Selbstverständlichkeit lebt. Es geht anders. Und es muss anders gehen.
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