Echt sein dürfen
- Julia Becker
- 27. Mai 2025
- 2 Min. Lesezeit
Echt sein dürfen – Gedanken aus dem Schulalltag
Manchmal gibt es diese Momente im Schulalltag, in denen mir plötzlich ganz klar wird: Ja, wir haben die Möglichkeit, Dinge anders zu gestalten. Wir können Schule menschlicher machen.
Ich habe keinen direkten Vergleich zu klassischen Schulen, weil ich von Anfang an an einer freien Schule unterrichte. Aber wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke oder an meine Praktika während des Studiums, dann fällt mir auf, wie oft dort „mit Maske“ unterrichtet wurde. Lehrer*innen, die hinter Regeln und Autoritären Systemen verschwanden.
Und ich habe mich oft gefragt: Wer ist der Mensch da vorne eigentlich wirklich? Ist das echt? Oder ist das nur eine Rolle?
An der freien Schule, an der ich arbeite, ist vieles anders. Oft werden wir belächelt: „Ihr macht ja nichts. Die Kinder lernen doch nichts bei euch. Ihr seid doch nur draußen. Öko-Hippie-Blase.“ Solche Sätze höre ich regelmäßig.
Aber dann erinnere ich mich: Doch, das hier ist auch Realität – unsere Realität. Und jemand muss anfangen, eine neue Idee von Schule zu leben. Eine, in der Beziehung wichtiger ist als Bewertung. Eine, in der Kinder erleben, was es heißt, mit echten Menschen zu lernen. Nicht nur Inhalte, sondern auch Menschlichkeit. Fehler. Entwicklung. Zweifel.
Ich bin nicht perfekt. Mein Unterricht ist nicht immer innovativ und toll. Es gibt Tage, da sitze ich da und denke: Ich weiß auch nicht genau, was ich hier tue. Und genau das will ich teilen.
Ein Moment hat für mich alles verändert. Es war eine Englischstunde. Ich hatte sie aufwendig vorbereitet – wir wollten Dialoge üben, wie man auf Englisch zum Arzt geht. Ich war überzeugt, das wird super. Aber schon nach kurzer Zeit war klar: Es funktioniert gar nicht. Die Kinder waren verwirrt, der Ablauf total unlogisch. Alles, was in meinem Kopf Sinn gemacht hatte, tat es in der Stunde gar nicht. Und ich stand da und dachte: Scheiße. Was jetzt?
Dann habe ich das gemacht, was ich für nie Möglich gehalten hätte: Ich habe abgebrochen. Ich habe die Klasse angeschaut und gesagt: Okay, das funktioniert nicht. Das geht auf meine Kappe. Ich brauche eure Hilfe. Wie hättet ihr das gebraucht?
Und dann saßen wir – eine sechste Klasse und ich – zusammen auf dem Teppich und haben gemeinsam den Unterricht für den nächsten Tag geplant. Sie haben mir gesagt, was für sie logisch gewesen wäre, was sie gebraucht hätten. Und ich habe zugehört. Wir haben gemeinsam entworfen, ausprobiert, reflektiert.
Das war für mich ein riesiges Aha-Erlebnis. Ich darf Fehler machen. Ich darf sagen: Ich weiß es auch nicht besser. Ich darf einfach Mensch sein.
Dieser Moment hat mir eine Tür geöffnet. Eine Tür zu einem anderen Verständnis von Schule. Einer Schule, in der ich nicht nur lehre, sondern begleite. In der ich keine Maske brauche. In der Beziehung und Authentizität keine Schwäche sind, sondern der Anfang von echter Bildung, Beziehung und begleiten.
Und dieser Moment – so unspektakulär er vielleicht von außen wirkt – wird mir für immer in Erinnerung bleiben.
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