
Die Wunder des „Neins“
- Julia Becker
- 15. Sept. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Als ich diesen Blog ursprünglich begonnen habe, war mein Gedanke, über Schule und Unterricht zu schreiben, über die Arbeit mit Kindern, über Sprache, über das achtsame Formulieren von Botschaften.
Doch je länger ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, desto klarer wurde mir: Selbstfürsorge ist viel mehr als eine Technik, die man Kindern vermittelt.
Sie ist eine innere Haltung, eine Lebensweise, die alle Bereiche betrifft, sei es Schule, Familie, Beziehungen, und vor allem: mich selbst.
In der Schule habe ich viel darauf geachtet, wie Kinder lernen können, ihre Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen und auszudrücken. Ich habe ihnen Mut gemacht, ehrlich zu sagen, wie es ihnen geht, und sich für sich selbst einzusetzen.
Doch in den letzten Monaten habe ich beobachtet, dass was ich den Kindern nahegelegt habe, habe ich selbst kaum gelebt.
Ich habe meine eigenen Bedürfnisse zurückgestellt, war immer für andere da und habe mich dabei zum Teil selbst verloren.
Dieses Erkennen war schmerzhaft, aber auch befreiend.
Es hat mir gezeigt, dass Selbstfürsorge nicht nur bedeutet, Pausen einzulegen oder gut für den Körper zu sorgen.
Sie bedeutet auch, „Nein“ zu sagen, Grenzen zu setzen und damit zugleich ein „Ja“ zu mir selbst zu sagen.
Lange Zeit hatte ich Angst, Nein zu sagen. Angst davor, andere zu enttäuschen oder gar Beziehungen zu verlieren.
Doch ein klares Nein kann auch eine liebevolle Antwort sein.
Nämlich liebevoll mir selbst gegenüber, und gleichzeitig ehrlich anderen gegenüber.
Jesper Juul beschreibt das in seinem Buch „Nein aus Liebe“ so treffend:
„Die Kunst, Nein zu einem erwachsenen Partner und zu einem guten Freund zu sagen, unterscheidet sich nicht von der Kunst, Nein zu einem Kind zu sagen, weil sie auf der Fähigkeit und dem Willen des Individuums basiert, guten Gewissens zu sich selbst Ja zu sagen. Viele von uns müssen zunächst damit beginnen und geduldig darauf warten, dass das gute Gewissen allmählich die Schichten des Schuldbewusstseins, des schlechten Gewissens und der Verlustangst durchdringt, die so hart und dick sein können wie der Straßenbelag einer Autobahn. Wir haben jedes Recht, Ja und Nein zu sagen, wie es uns passt. Doch es ist ein Recht, das sich auf unsere eigene Initiative gründen muss. Auf dem Silbertablett bekommen wir es in den seltensten Fällen serviert.“
Dieses Zitat unterstreicht für mich, dass es Mut braucht, ein Nein auszusprechen, aber dass genau darin die Kraft liegt, bei sich zu bleiben und sich selbst treu zu sein.
Ein Nein ist letztlich immer auch ein Ja: zu meinen Wünschen, meinen Bedürfnissen, meinen Ideen und meinem Leben.
Für mich bedeutet das, einen großen Schritt zu gehen: Die Schule loszulassen und einen neuen Weg einzuschlagen und zwar zur Familienberaterin.
Das ist nicht nur eine berufliche Veränderung, sondern vor allem eine Entscheidung für mich selbst.
Natürlich gibt es Ängste: Wie reagieren Kolleg:innen? Was verändert sich im Team? Was kommt danach? Aber gleichzeitig spüre ich, wie wichtig es ist, jetzt diesen Weg zu gehen.
Echt und authentisch zu sein, bedeutet, dass das ausgesprochene mit meiner inneren Haltung übereinstimmen. Ansonsten wird es unglaubwürdig.
Den Mut haben, Nein zu sagen und dadurch Ja zu mir selbst zu erreichen.
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