Begegnungen als Spiegel nutzen
- Julia Becker
- 8. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Ich befinde mich gerade in der Fortbildung zur Familien-, Kinder- und Jugendberaterin. Zuvor habe ich am Deutsch-Dänischen Institut in Berlin eine neunmonatige Fortbildung absolviert, m nach den Ansätzen von Jesper Juul. Auch an der Freien Schule, an der ich arbeite, prägen seine Gedanken den Alltag.

Ein zentraler Gedanke, der mich dabei begleitet, ist: Wenn ich mit Menschen arbeite, arbeite ich immer auch an mir selbst.
Jede Begegnung, jede Gruppe, jedes Kind, jede Familie spiegelt mir etwas über mich.
Und genau das ist für mich der vielleicht wichtigste Teil dieser Arbeit.
Beziehungen als Spiegel meiner eigenen Themen
Ich habe mehrere Jahre mit einem Berater gearbeitet, der nach dem Modell des Internen Familiensystems von Richard Schwartz arbeitet.
Dabei durfte ich all meine inneren Anteile kennenlernen, verstehen und sortieren.
Einer dieser Anteile ist besonders präsent: der Anteil, der sich stark vergleicht.
Dieser Anteil taucht vor allem dann auf, wenn es um andere Menschen geht, besonders um Ex-Partnerinnen. Ich merke, wie schnell ich innerlich beginne zu vergleichen, zu bewerten, mich selbst in Frage zu stellen.
Diese Vergleiche sind oft schmerzhaft, weil sie nicht zu Wachstum führen, sondern mich klein machen. Und doch zeigen sie mir etwas Wesentliches: Sie sind ein Signal, dass da in mir noch etwas gesehen und verstanden werden möchte.
Der schmale Grat zwischen Vergleich und Selbstwert
In meiner Fortbildung begegne ich immer wieder den Begriffen Selbstgefühl, Selbstwert und Selbstvertrauen, zentrale Themen auch bei Jesper Juul. Wenn ich in den Vergleich gehe, verliere ich den Kontakt zu meinem Selbstgefühl. Ich verliere das Gespür für mich selbst, für meinen Körper, für das, was mich ausmacht.
Juul beschreibt das Selbstgefühl als die Fähigkeit, mich zu spüren und mit mir selbst in Kontakt zu sein. Der Selbstwert zeigt sich darin, wie ich mit mir umgehe, auch dann, wenn ich etwas nicht weiß oder etwas nicht kann.
Und aus einem gesunden Selbstgefühl wächst das Selbstvertrauen, also das Vertrauen in das, was ich leisten und lernen kann.
Wenn ich mich mit anderen vergleiche, verliere ich genau diese Verbindung. Ich fange an, meinen Wert davon abhängig zu machen, was andere tun, wissen oder können. Und das kenne ich sehr gut. Es gibt Momente, in denen ich denke, ich müsse etwas erreichen, leisten oder „besser machen“, um wertvoll zu sein. Doch das stimmt nicht. Ich darf einfach sein, als Mensch.
Ex-Partnerinnen und das Thema Anerkennung
In früheren Beziehungen habe ich oft gespürt, wie stark der Wunsch nach Anerkennung in mir ist. Ich wollte gesehen werden, gemocht werden, gut genug sein.
Und gleichzeitig war da diese Angst, nicht zu genügen, besonders dann, wenn ich das Gefühl hatte, die ehemalige Partnerin meines Partners könne etwas, das ich nicht kann.
Erst durch die Arbeit an mir selbst wurde mir klar: Diese Vergleiche sagen viel weniger über die andere Person aus als über mich.
Sie zeigen mir, wo in mir noch Unsicherheit lebt, wo alte Erfahrungen wirken, wo ich mir selbst noch nicht genug bin.
Heute versuche ich, diesen Schmerz nicht zu verdrängen, sondern ihn als Einladung zu sehen. Eine Einladung, liebevoller mit mir zu sein. Eine Erinnerung daran, dass ich meinen Wert nicht im Außen suchen muss. Natürlich gibt es Tage an denen gelingt es mir gut und dann wiederum Tage, da benötigt es viel Arbeit und viele bestärkende Dialoge mit mir selbst.
In Begegnung mit anderen wachsen
Ich glaube, dass wir alle uns über Beziehungen entwickeln, ob in Freundschaften, Partnerschaften oder in der Arbeit mit Menschen.
Jede Begegnung kann ein Spiegel sein, der uns zeigt, wo wir stehen und was in uns noch Heilung braucht.
Wenn ich mit Kindern, Jugendlichen oder Eltern arbeite, weiß ich: Auch sie werden in mir etwas berühren. Vielleicht etwas Altes, Verletzliches.
Und genau deshalb ist es so wichtig, dass ich mich selbst kenne und meine Grenzen, meine Muster, meine Anteile. Nur so kann ich authentisch begleiten, ohne meine eigenen Themen unbewusst in die Beziehung hineinzutragen.
Vom Vergleich zur Verbundenheit
Ich wünsche mir, dass wir und besonders Kinder und Jugendliche, lernen, weniger im Vergleich und mehr in der Verbindung zu leben. Dass wir aufhören, uns ständig zu messen, und stattdessen neugierig fragen: „Wie hast du das gemacht?“ oder „Was hast du dabei gefühlt?“
Wenn wir beginnen, uns selbst und andere auf diese Weise zu sehen, entsteht etwas Neues: echtes Interesse, Echtheit, Begegnung.
Und vielleicht ist genau das der Anfang von echtem Selbstwert und von Frieden mit sich selbst.
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