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Gleichwürdigkeit leben


Gleichwürdigkeit leben – auf Augenhöhe mit Kindern



“Wir begegnen uns hier auf Augenhöhe.”


Ein Satz, der oft gesagt wird. Schnell klingt er, irgendwie ganz schön platt und wie eine Standardfloskel auf Internetseiten– doch was bedeutet er wirklich?

Was heißt es, Kinder wirklich als gleichwürdig zu begegnen und sie wirklich zu hören und zu sehen?

Die ersten Tage an meiner Schule waren in Augenöffner für mich.


An diesen Moment kann ich mich noch sehr genau erinnern.


Ich kam an die Schule und war plötzlich war ich umgeben von einem Gefühl, was ich zuvor noch nie an einer Schule oder Kindergarten wirklich gespürt hatte.


Erwachsene, die nicht von oben herab mit den Kindern sprachen, sondern ihnen mit Respekt und echtem Interesse begegneten.

Gleichzeitig spüre ich auch eine Art von Trauer und Wut in mir. Ich wunderte mich ganz schön über meien Gefühle. Dann kam ich dem ganzen auf die Spur. Genau dies was ich nun erleben an meiner Schule, hätte ich als Kind auch gebraucht während meiner Grundschulzeit. Erwachsene, die mich ernst nehmen und vor allem mir zuhören. Zuhören ohne direkt Ratschläge zu bekommen. Einfach jemand der mir zugehört hätte.

Gelebte Beziehung. So kann es also auch gehen.



Gleichwürdigkeit – nach Jesper Juul


Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat den Begriff Gleichwürdigkeit geprägt.


Gleichwürdigkeit bedeutet: Alle Menschen – unabhängig von Alter, Erfahrung oder Rolle – haben den gleichen Wert.

Ihre Bedürfnisse, Gefühle und Meinungen verdienen denselben Respekt. Es geht nicht um Gleichheit der Kompetenzen oder Entscheidungen, sondern um Würde, Achtung und gegenseitigen Respekt.



„Gleichwürdigkeit ist nicht Gleichheit. Sie bedeutet, dass die Stimme des Kindes genauso wichtig ist wie die des Erwachsenen – auch wenn der Erwachsene mehr Verantwortung trägt.“


In der Praxis kann dies dann so aussehen:

Kinder haben ein echtes Mitspracherecht. Sie dürfen nicht nur mitreden – sie werden gehört. Ihre Ideen fließen ins Schulleben ein. Sie gestalten mit. Sie erleben Selbstwirksamkeit.


Und genau das empfinde ich als so kraftvoll: Wenn wir Kinder ernst nehmen, wenn wir uns wirklich interessieren für das, was sie bewegt, dann passiert etwas.

Da entsteht Energie, Motivation, Kreativität. Sie wachsen über sich hinaus, sie gehen “ein Kopf größer” aus Erfahrungen heraus.



Ein Beispiel aus dem Schulalltag


Ein Moment, der mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, war die Idee eines Kindes, Schweine an die Schule zu holen.


Sie war überzeugt davon, dass wir als Schule wieder ein Schultier bräuchten. Ich muss zugeben, ich fand die Ideen toll. Was gibt es besseres als Tieren, die in schlechten Bedingungen aufwachsen mussten, ein besseres zu Hause zugeben? Sie brachte wirklich tolle Arguemente hervor, warum Schweine gut für unsere Schule wären. Die Tiere könnten Essensreste verwerten, und die Kinder hätten eine Aufgabe, die Verantwortung mit sich bringt – so wie früher mit den Kaninchen.

Doch sie blieb nicht bei der Idee stehen. Sie begann, andere Kinder zu fragen:

“Würdet ihr euch mitkümmern? Wärt ihr dabei?


Sie mobilisierte Mitschüler*innen, sammelte Unterstützung, formte ein Team. Und schließlich brachte sie das Anliegen gemeinsam mit den anderen zu uns Erwachsenen.


Wir hörten zu. Wir nahmen sie ernst. Und trotzdem mussten wir am Ende sagen:

Nein – wir können das als Schule nicht tragen. Die Verantwortung, gerade im Umgang mit Tieren, liegt am Ende ganz bei uns Erwachsenen. Und diese konnten wir in diesem Fall nicht übernehmen.


Was dann folgte, war für mich einer dieser echten Momente. Jetzt passierte hier gelebte Gleichwürdigkeit.

Wir setzten uns mit ihr hin, gingen gemeinsam mit ihr durch ihre Gefühlswelt. Da war Wut. Da war Frust.

Ihre Idee war wertvoll. Ihr Engagement war beeindruckend.


Wir haben sie gesehen – in ihrer Vision und in ihrer Enttäuschung.

Das ist für mich gelebte Augenhöhe. Das ist Gleichwürdigkeit.


 
 
 

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