„Du. Können wir mal reden?“
- Julia Becker
- 20. Mai 2025
- 3 Min. Lesezeit

“Solche Tage” – Wenn alles durchgeplant ist und doch nichts klappt
Es gibt so Tage – da helfen keine Ratgeber, keine Fortbildungen.
Tage, an denen es irgendwie schiefläuft.
Sportunterricht in meiner vierten Klasse. Alleshatte ich bis ins kleinste Detail vorbereitet.
Ich hatte das Spiel durchdacht und die Regeln ganz genau erklärt.
Und trotzdem: Irgendwann verließen zwei Kinder einfach das Spielfeld. Ohne Kommentar. Das Spiel kam ins Stocken, die ganze Gruppe war irritiert. Ich unterbrach, fragte nach, versuchte die Situation aufzufangen – aber es war klar: So funktioniert das nicht.
Wir stellten uns in den Kreis. Ich erklärte: „Ihr könnt nicht einfach weggehen. Das bringt alles durcheinander.“ Und dann begann die Diskussion.
Es ging um eine Entscheidung von mir als Schiedsrichterin. Ich hatte einen Treffer nicht gesehen und hatte während des Spiels beschlossen, dass dieser nicht zählt. Aber ein paar Kinder fanden das unfair. Davor hatte ich anders entschieden, meinten sie. Sie fühlten sich ungerecht behandelt.
Ein Mädchen meinte: „Wenn sie so sauer ist, dann geht sie halt.“ Und genau das war passiert. Sie ist einfach weggegangen.
Ich erklärte: „Das geht nicht. Du kannst nicht einfach verschwinden, ohne dass ich weiß, was los ist und vor allem wo du hingehst."
Es entwickelte sich eine Diskussion.
Am Ende sagte ich: „Ich kann das gerade nicht mehr halten. Wenn es immer in Streit endet, ist das auch unfair gegenüber denen, die eigentlich gerne spielen wollen. Ich trage hier die Verantwortung – und so geht das gerade nicht weiter.“
Wir gingen auseinander. Ich war wütend. Die drei Mädchen auch. Und ich dachte nur: Oh man, was war das heute und was ist das eigentliche Problem? Ist es wirklich der Sportunterricht? Oder liegt dem ganzen eigentlich etwas anderes zu Grunde?
Doch dann kam die Pause. Ich saß allein im Lehrerzimmer – und die drei Mädchen kamen zu mir. „Wir wollen uns entschuldigen. Können wir nochmal darüber reden?“
Und in dem Moment fiel mir eine Fortbildung mit Christine Ordnung vom Deutsch-Dänischen Institut ein. Sie sprach dort über Beziehungen und in Kontakt treten mit meinem Gegenüber, anhand eines Bildes: Zwei Menschen, verbunden durch ein imaginäres Seil. Dieses Seil steht für die Verbindung, den Dialog. Es kann gespannt oder locker sein – oder losgelassen werden. Wenn einer das Seil loslässt, kommt es zum Kontaktabbruch.
Doch das Seil kann auch wieder aufgenommen werden. Einer bietet es wieder an – und der andere kann entscheiden: „Ja, ich gehe wieder in den Kontakt“ oder „Nein, ich brauche noch Zeit.“
Heute war ich die, die das Seil losgelassen hat. Und die drei Mädchen waren es, die es wieder aufgenommen haben und mir eine Einladung zum wieder in Kontakt kommen gereicht haben.Ich sagte ihnen: „Jetzt gerade möchte ich nicht darüber sprechen. Ich habe es gehört und gesehen, dass es auch ganz schön beschäftigt hat. Gerade brauche ich noch etwas Zeit für mich. Ich möchte da gerne nochmal in Ruhe mit euch drüber sprechen in dieser Woche."
Und jetzt, bei der Reflexion, muss ich ein bisschen schmunzeln. Weil es wirklich genau so war, wie in der Fortbildung beschrieben. Manchmal gelingt es mir, in solchen Momenten bei mir zu bleiben, persönliche Sprache zu verwenden, professionell zu handeln. Und manchmal eben nicht. Dann werde ich auch ungeduldig und ja, durchaus auch unfair. Und das ist okay, solange wir den Dialog wieder suchen und wieder in ein Miteinander kommen.
Wichtig ist nur: dass wir wieder in den Dialog gehen. Dass wir das Seil nicht liegen lassen.
Und ja – manchmal sind die Tage eben so.
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